Willst du Angst haben oder Bücher schreiben? Melina Royer und Eric Maisel zeigen wie’s geht.

„Ich bin der schüchternste Mensch auf der Welt.“ – das war der Satz, bei dem Melina Royer mich hatte. Bums. Bisher hatte ich immer gedacht, ich wäre das. Ich dachte wirklich, ich wäre der einzige Mensch auf der Welt, der so limitiert ist, der einfach nicht aus sich raus kann. Die einzige Autorin, der es nicht gelingt, ihre Bücher am Markt zu platzieren, weil sie halt nicht dazu gedacht ist, mit dem Schreiben irgendetwas zu erreichen.

Ich habe mich erst gar nicht angesprochen gefühlt, als ich „Verstecken gilt nicht“ entdeckte. Ich hätte mich laut nie als schüchtern bezeichnet. Als eher introvertierte Person mit einigen wenigen extrovertierten Anteilen, ja. Aber schüchtern? Nach der Lektüre von Melinas Buch kann ich sagen, ja, ich bin per Definition schüchtern. Noch vor einem Jahr – mitten in einer Sinnkrise -hätte mich das in meinem Glauben, nichts erreichen zu können, nur noch bestärkt. Nach dem Motto: Na toll, jetzt bist du auch noch schüchtern. Damit kann man doch keinen Blumentopf gewinnen! Mittlerweile weiß ich, dass wir uns unsere Limitierungen selbst auferlegen. Und Melina Royers Buch liebe ich, weil sie die Erste ist, die den lebenden Beweis dafür erbringt, dass es anders geht.

Schüchternheit, Introversion, Sensibilität, das sind keine begrenzenden Eigenschaften. Wenn das so wäre und diese Eigenschaften keinen evolutionären Vorteil hätten, dann wären Hochsensible schon vor sehr langer Zeit ausgestorben – gefressen von wilden Tieren oder vor Überängstlichkeit gestorben. Im Gegenteil braucht die Welt emotional hochempfindliche Menschen, weil sie Zusammenhänge schneller durchschauen, kritisch beobachten und hochkreativ sind. Wir brauchen Innovation und Erfindergeist. Ein hochsensibler Mensch sieht die Gefahr viel schneller herannahen, als ein Jäger, der auf das Beutemachen fixiert ist.

Leider sind es genau diese Vorteile, die stille Künstler schrecklich leiden lassen. Denn sie sorgen letztendlich dafür, dass wir uns über alles viel zu viele Gedanken machen. Wir überanalysieren, wir schätzen Risiken falsch ein, die andere, offensivere Menschen sofort eingehen würden, um etwas zu erreichen, wir drehen uns gedanklich im Kreis – und geben dann auf.

Der Zusammenhang zwischen Introversion,  Hochsensibilität, Über-Denken und Kreativität, ist mir zuerst bei der Lektüre von Eliane Reichardts Buch „Hochsensibel“ begegnet. Je länger ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto deutlicher fiel mir auf, dass hochsensible Künstler tatsächlich dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten unterzubewerten und sich damit selbst zurückzuhalten. Unser Denken steht uns ganz einfach im Weg. „Sind wir zu schlau, um glücklich zu sein?“ habe ich einmal gelesen.

Bis mir Eric Maisels Buch „Why Smart People Hurt“ in die Hände fiel, hat mich genau diese Frage gelähmt. Ich empfand mein Leben als furchtbar unfair. Warum konnte ich nicht so ein Draufgängertyp sein, der nicht lange fackelt und voranprescht? Warum musste ich unter dieser Überdosis an Gefühlen und Nachdenklichkeit leiden? Dank Eric Maisel und Melina Royer ist mir klar geworden: Damit ich kreativ sein kann. Ohne meine Gefühle und meine analytischen Gedankengänge könnte ich keine Bücher schreiben. Jedenfalls nicht die Bücher, die ich liebe.

So macht Maisel (ein amerikanischer Kreativcoach und Psychologe) in seinem Buch ganz klar, dass wir nicht unter unseren Gefühlen und unserer Gedanken leiden, sondern nur unter dem Zuviel davon, und darunter, was wir daraus machen. Maisel analysiert all die Herausforderungen, denen sensible und mental hocheffiziente Menschen – und zu denen zählen die meisten Künstler – in unserer leistungsorientierten Welt begegnen. Die Lektüre ist ein einziges Aha-Erlebnis. Maisel erklärt, wie wir von den authentischen, kreativen Wesen, als die wir geboren werden, zu schüchternen, angstbeladenen Menschen werden können. Er spricht über das „racing brain syndrome“, Angstattacken, Depressionen und stellt diese Dinge in einen Zusammenhang damit, wie wir in Reaktion auf unsere Umwelt unsere Leben gestalten.

Immer wieder entscheidenden Situationen aus dem Wege zu gehen (im Großen – z.B. sich voll und ganz für einen kreativen Lebensweg oder seinen Lebenstraum zu entscheiden – wie im Kleinen – soll ich diesen Text wirklich veröffentlichen?), auf Nummer sicher zu gehen, in Phantasiewelten zu leben (anstatt in der realen Welt zu handeln: erst wenn ich dieses Buch fertiggeschrieben habe, wird alles wunderbar!), perfekt sein zu wollen, überstarke Selbstkritik – das sind Themen, die auch in Melina Royers Buch eine Rolle spielen. Melina ist das beste Beispiel dafür, dass es Hoffnung gibt. Dass man genau diese Herausforderungen überwinden kann, wenn man sich ihnen stellt.

Sie belegt damit genau die These, die Maisel aufstellt: Wenn wir die bewusste Entscheidung treffen, unseren kreativen Weg zu gehen, und bereit dazu sind, unser Leben jeden Tag mit etwas Bedeutsamen zu füllen, mit etwas, das unseren Werten entspricht und das wir lieben, dann können wir zu produktiven Künstlern werden, die ihr Leben selbst gestalten. Wir müssen nicht auf Hilfe von außen warten, die plötzliche Entdeckung durch einen Agenten, einen Verlag, eine überirdische Kraft. Die Superpower liegt in uns: Stille, Reflexion, Kreativität.

Die Superpower, die Melina Royer zu einem glücklichen und aktiven schüchternen Menschen macht, ist ihre Kreativität und ihr Wunsch, anderen Menschen helfen zu wollen. Dass sie diesen Weg jeden Tag geht, obwohl ihr ganz sicher auch mal die Beine schlottern, bewundere ich. In ihrem Buch berichtet sie davon, wie sie sich immer wieder überwinden muss. Die Belohnung dafür ist, sich überwunden zu haben, und andere Menschen glücklich zu machen. Das gibt Selbstbestätigung.

Was ist deine Superpower? Was schätzt du so sehr, dass es deinem Leben Bedeutung gibt? Was ist für dich wertvoll? Gibst du diesen Dingen genug Raum, damit sie dich durch den Tag tragen können? 

Meine Superpower ist Schreiben. Trotzdem habe ich dem Schreiben so lange nicht den nötigen Raum in meinem Leben gegeben, bis ich depressiv wurde. Wir können unsere angeborenen Talente nicht ein Leben lang ignorieren und dafür keinen Preis bezahlen.

Als ich Eric Maisels Buch gelesen habe, dachte ich: Es kann nicht so einfach sein. Aber es ist genauso. Es ist zutiefst befreiend an etwas zu arbeiten, dass deinem Leben Sinn gibt. Die Belohnung ist Erfüllung, das Wissen, das Richtige getan zu haben, und eine Arbeit, die sich gar nicht nach Arbeit anfühlt, weil wir sie so gerne tun. Wir müssen dafür nicht unseren Alltagsjob an den Nagel hängen, wir müssen dafür nicht unser ganzes Leben umkrempeln. Alles, was es braucht, ist manchmal nur eine Stunde konzentrierte Arbeit an einer Sache, die wir lieben.

Ich schreibe lieber eine Stunde am Tag – störungsfrei und still für mich – als gar keine. Und seit ich das tue, komme ich nicht nur voran, bin mehr in der Geschichte drin und habe neue Ideen – viel müheloser als früher. Seitdem fühle ich mich so viel besser.

Ich bin wirklich dankbar, Melina Royers Buch entdeckt und gelesen zu haben. Es hat mir mehr gegeben, als jeder Ratgeber zum Thema Hochsensibilität (obwohl ich euch den von Reichardt als Einstieg sehr ans Herz legen möchte, wenn ihr glaubt, hochsensibel sein zu können), nämlich die Einsicht, dass sich die Quintessenz aus Maisels Buch tatsächlich praktisch in unserem Alltag umsetzen lässt. Gib deinem Leben jeden Tag etwas, das für dich Sinn macht. Für einen Künstler heißt das: schalte das Über-Denken aus und sei einfach kreativ! Der alte Spruch ist wirklich wahr: Jeder ist seines Glückes Schmied. Und Wege entstehen, wenn wir sie gehen.


Es ist viel leichter die entsprechende Arbeit zu tun, als ein blockierter Künstler zu sein!

Ich hab vergessen, wer das gesagt hat, es war entweder
Julia Cameron oder Elizabeth Gilbert


Eric Maisel, Why Smart People Hurt. A Guide for the Bright, the Sensitive and the Creative erschien 2013 bei Conari Press. Leider ist dieser geniale Ratgeber bisher nur auf Englisch erhältlich.

Eric Maisels Website

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  1. Du meine Güte, ich bin beim Lesen gerade etwas rot geworden. 😉 Danke dir für die lieben, bestärkenden Worte! Und auch Dankeschön für die beiden anderen Buchtipps von Eric Maisel und Eliane Reichardt. Kannte ich beide nicht, aber ich höre sie gerade meinen Namen rufen.
    Alles Liebe,
    Melina

    • Vielen Dank für deine Nachricht, es freut mich riesig, dass du bei mir vorbeigeschaut hast! Mir ist erst viel später eingefallen, dass ich eigentlich auch noch „Ich denke zu viel“ von Christel Petitcollin hätte erwähnen sollen. Das Buch hat mich sehr beeinflusst und auf meinem Weg bestärkt, weil es eines der positiven Werke zum Thema ist. Viele HS-Bücher stellen stärker die negativen Seiten raus, als dass sie Stärken unterstreichen. Und wir sind stark.