Der Traum vom Schreiben: Gib niemals auf!

Es ist verrückt.

Ich bin in der letzten Zeit vermehrt über Blogposts, Empfehlungen in Schreibratgeber und Social Media Beiträge gestolpert, die sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen: Wann ist es Zeit, seinen Traum, Schriftsteller zu werden, zu begraben?

Vielleicht abgesehen von dem Szenario, dass man mit dem Schreiben begonnen hat, um sein Ego aufzupolstern oder um einfach reich zu werden, lautet die Antwort für mich ganz klar: Nie.

Vielleicht gab es vor einigen Jahrzehnten noch wirtschaftliche oder gesellschaftliche Zwänge, die dagegen sprachen, seine schriftstellerischen Ambitionen zu verfolgen (für Frauen war das z.B. gar nicht so einfach). Aber schon Anne Frank hat gezeigt, dass man selbst unter den widrigsten Umständen Schriftsteller sein kann. Und einige unserer ganz großen Dichter wie Goethe und Schiller waren Selbstverleger. Wenn man den Drang dazu verspürt, dann muss man schreiben, ganz egal, was die Umwelt sagt.

Als ich vor gut fünfzehn Jahren ernsthaft darüber nachzudenken begann, meine Bücher auch zu veröffentlichen, habe ich in einem ziemlich desillusionierenden Ratgeber zum Thema „Schriftsteller werden“ gelesen, dass man seine Träume, mit dem Schreiben Geld zu verdienen oder gar davon Leben zu wollen, besser ganz zu Anfang begraben sollte. Nach der Lektüre dieses Buches und einiger ähnlich gut gemeinter Titel, war ich bestens auf mein zukünftiges Schriftstellerdasein vorbereitet. Ich erwartete davon gar nichts mehr. Ich erwartete nicht, möglichst viele Bücher zu publizieren, ich setzte mir kein Einnahmenziel, ich zog gar nicht erst in Erwägung meine Energien in Werbung oder Expansion zu stecken, denn es war ja ganz und gar aussichtslos. Mein einziger Anspruch war – ganz bescheiden – ein Buch zu publizieren. Und das habe ich einige Jahre später auch geschafft. Gemäß der Voraussagen bin ich damit nicht reich und berühmt geworden. Aber heute frage ich mich, ob ich dadurch nicht in eine selbsterfüllende Prophezeiung hineingeraten bin: ich erwarte nichts, ich bekomme nichts…

Natürlich kann ich meine nicht besonders steil verlaufende Karriere nicht allein der Lektüre der damaligen Ratgeber vorwerfen. Immerhin habe ich das ganze Zeug kritiklos geglaubt, anstatt an mich und meine Bücher zu glauben. Leider existieren Parolen wie damals anscheinend heute immer noch. Und mit ihnen, in den Köpfen der Leute, die feste Überzeugung, dass man als Schriftsteller nichts werden kann, dass das alles brotlose Kunst und nichts wert ist. Ich habe das so viele Jahre lang verinnerlicht und unterbewusst danach gelebt. Ich bin das beste Beispiel dafür, wie man sich mit falschen Glaubensgrundsätzen selbst blockieren kann.

Dabei gibt es heutzutage für schreibverliebte Menschen überhaupt keinen Grund mehr, desillusioniert an das Schriftstellersein heranzugehen. Für mich haben sich Überlegungen á la „Wann bin ich Schriftsteller?“ vollkommen überholt. Wir sind Schriftsteller, sobald wir etwas in Schrift stellen. Ob es ein Blogeintrag ist, eine Verlagspublikation, eine online publizierte Geschichte, ein Buch im Selbstverlag. Wir sind Schriftsteller, sobald wir uns mit unseren Texten einer Öffentlichkeit stellen. 

Uns stehen Dank Plattformen wie Wattpad, Sweek, Instagram, Tumblr und den allgegenwärtigen Blogs heute großartige Möglichkeiten offen, unsere Texte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zahllose Selfpublishing-Dienstleister geben uns die Chance, alle Rechte an unserem geistigen Eigentum zu behalten, und es selbst zu vermarkten, ohne an Reichweite zu verlieren. Jeder hat jetzt die Chance mit seiner Story die ganze Welt zu erreichen. 

Es gibt heute keinen Grund mehr, klein zu denken und bescheiden ans Schreiben und Veröffentlichen heranzugehen, weil ALLES möglich ist.

Vor fünfzehn Jahren sah mein Plan so aus: einen Verlag finden, zur Not auch einen kleinen, und dann auf die Entdeckung hoffen. Das muss sich heute niemand mehr antun. 

Denke groß, stell dir vor, was du erreichen willst und dann gehe in kleinen, planbaren Schritten darauf zu. Du kannst mehr, als du dir zutraust. Ich weiß selbst, dass viele Schritte der Selbstvermarktung beängstigend sind, gerade wenn man eher schüchtern und introvertiert ist (was tatsächlich viele Autoren zu sein scheinen – diese Entdeckung war für mich eine große Erleichterung: ich bin nicht allein!). Aber es braucht oft nur den einen, ersten Schritt nach draußen, um zu merken, dass es gar nicht so wehtut oder so schrecklich ist, wie man sich das ausgemalt hat, und dass da ganz viele andere sind, denen es genauso geht wir dir! Kein Schriftsteller ist am Anfang der geborene Selbstvermarkter. Wenn Stephen King zu große Angst gehabt hätte, sich zu blamieren, würden uns heute einige spannende Bücher fehlen!

Beantworte dir selbst die Frage, die schon Rilke 1902 einem an sich selbst zweifelnden jungen Dichter stellte:

Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich. Erforschen Sie den Grund, der Sie schreiben heißt; prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müssten, wenn es Ihnen versagt wäre zu schreiben. Dieses vor allem: fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: muss ich schreiben?

Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter

Ich habe darüber jahrelang nachgedacht, und die dunkelsten Stunden meiner Nacht, in denen ich wirklich an mir gezweifelt habe und aufgeben wollte, haben mich immer nur an den einen Punkt zurückgebracht: Ich muss schreiben und ich würde sterben, wenn ich es nicht könnte. Ich bin ein Zombie ohne meine Geschichten, meine Worte, meine Texte. Mir fehlt der Lebenssinn, wenn ich mich nicht ausdrücken kann. Schreiben ist mein Lebenssinn. 

Und wir brauchen genau das: Sinn. Wir brauchen Träume und Ziele. Ohne sie gibt es keine Weiterentwicklung.

Wenn Schreiben für dich mehr ist als ein schöner Zeitvertreib, wenn es etwas ist, das dein Herz wirklich höher schlagen lässt, das dich zutiefst glücklich macht, dann verfolge deinen Traum mit allen Konsequenzen. Genau das ist es, was auch Rilke rät: wenn man wirklich schreiben muss, um glücklich zu sein, sollte man sein ganzes Leben danach ausrichten.

Gehe einem Brotjob nach, wenn es nötig ist (so wie Elizabeth Gilbert es viele Jahre lang getan hat), aber schreib, so oft sich die Gelegenheit bietet und gib dem Schicksal und der Welt die Möglichkeit, dich zu finden. Publiziere, gehe an die Öffentlichkeit, lebe deinen Traum und versteck dich nicht hinter lähmenden Ängsten. Die Angst wird immer kleiner, je weiter du dich hinauswagst!

Schriftsteller schreiben und Schriftsteller veröffentlichen. Es hat Jahrzehnte gebraucht, bis ich die Angst davor überwunden habe. Wenn du dich darauf ausrichtest, dass Schreiben eine brotlose Kunst ist, die dich nirgendwohin bringen wird, so wie ich es viele Jahre getan habe, du annimmst, dass es sowieso viel zu viele Schriftsteller und Bücher gibt und du ohnehin keine Chance am Markt hast, dann bleibst du auf der Stelle stehen. Mach nicht denselben Fehler. Schreib auf, was dir wichtig ist, wie dein Traum vom Schreiben aussieht. Was willst du erreichen? Was ist dir das Schreiben wert? Wovon träumst du? Alles ist möglich, wenn du dich darauf ausrichtest.

Wenn du dir also die Frage, ob du schreiben musst mit „Ja!“ beantwortet hast, dann lautet die Antwort auf die Frage, wann du deinen Traum, Schriftsteller zu werden, aufgeben solltest: „Niemals!“

Der junge Dichter, den Rilke damals mit seinen Briefen ermutigten wollte, hat übrigens aufgegeben. Anstatt Dichter zu werden ist er zum Militär gegangen. Hat er sich die entscheidende Frage vielleicht mit „Nein“ beantwortet? Oder hat ihn sein Umfeld dazu gedrängt? So ganz losgelassen hat ihn die Sache jedenfalls nicht, denn 27 Jahre später veröffentlichte er immerhin die Briefe, die Rilke ihm schrieb. Vielleicht auch, damit andere durchhalten können.

Lebe du deinen Traum und gib niemals auf!


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Hilfe zum Durchstarten und Ängste überwinden findest Du z.B. hier:

Rilkes „Briefe an einen an einen jungen Dichter“ erschienen im Insel-Verlag und sind z.B. bei Amazon erhältlich.

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  1. Liebe Stefanie,
    Du schreibst mir aus dem Herzen. Vielen Dank für den Beitrag und die extra Portion Motivation!
    Ich habe auch lange gezweifelt und zweifle noch. Wahrscheinlich machen das die meisten Autor*innen. Aber ich träume groß und will es schaffen. In diesem Sinne: Viel Erfolg weiterhin auf Deinem Weg als Autorin!
    Herzliche Grüße, Ricarda