Die Prinzessin der Toten 1 – Kapitel 1 – Henkersweiß

„Die Prinzessin der Toten“ ist mein aktuelles Projekt und der erste Band der Serie „Berlin Monsters“. Eine weltenumspannende Fantasysaga um Liebe und Freundschaft, Intrigen und Verrat, die in einem ganz anderen Berlin spielt. Ich hoffe, sie wächst Dir so ans Herz wie Deine Lieblingssoap. Das wäre großartig!

Ab dem 21. Januar 2019 kannst Du die Serie bei Amazon kaufen! Alle Informationen zur Veröffentlichung findest Du hier!

Hier kannst du vorab das 1. Kapitel in der unüberarbeiteten Urversion probelesen. Viel Spaß!


Und darum geht es:

Earth II
Berlin, 2156

Ganz große Liebe und ganz großer Verrat in einem Berlin, das ganz anders ist, als das, das wir kennen.

Alles, was Lana Confera will, ist die Liebe ihres Vaters, des mächtigsten Clanführers von Berlin. Alles, was sie von ihm bekommen hat, ist ein Gefängnis. Sie ist die Henkerin von Berlin, das Monster aus dem weißen Turm, ihr verhasster Adoptivbruder Chris der auserwählte Nachfolger. Lana bleibt noch eine Nacht, um ihr Schicksal zu ändern oder für immer unterzugehen. Sie hat nicht vor, zu sterben. Doch sie ahnt nicht, dass ihr Plan mehr verändern wird als ihr eigenes Leben. An den Grenzen der Welt steht schon eine böse Macht bereit, die nur darauf wartet, dass die Kräfteverhältnisse wechseln. Lana, Chris, der geheimnisvolle Joakin, der so plötzlich in ihr Leben tritt, und das gesamte Haus Confera geraten in einen Strudel aus Magie und Intrige, Liebe und Machtgier, als die Nacht über Berlin hereinbricht. Und nicht einmal die mächtigen Wächter der Welt – die Senca – können sie jetzt noch retten.


Erde II (215 Jahre nach der Großen Katastrophe)
Berlin, Zitadelle Spandau

Das Gefühl, von der plötzlich einsetzenden Stille geweckt zu werden, war wie nach einem schlechten Trip aufzuwachen. Ihr Kopf rauschte, fühlte sich an wie mit Watte ausgeschlagen, ein undurchdringliches Dickicht aus Stimmen und Gedankenfetzen, grellen Bildern und gleißendem Weiß.

Lana öffnete die Augen, eins nach dem anderen, und sah, was passiert war. Sie starrte in den Spiegel und zurück schaute der Tod. Er hatte sie wieder eingeholt, während die Aufregung um sie herum verebbt war, der Lärm sich mit der Pressemeute in das Treppenhaus verlagert hatte, und die Stille nun wieder ungehindert ihre einsamen Finger in ihr Fleisch graben konnte.

Hölle, das war ein schlechter Trip.

Es musste einer sein!

Warum sonst stand sie vor dem Spiegel in ihrem Ankleidezimmer, zu ihren Füßen ein heilloses Chaos aus Kleidern, die die Journalisten nicht an ihr hatten sehen wollen, an ihrem Körper eines der Kleider, die sie nicht an sich hatte sehen wollen? Eines der Kleider, die sie zum Monster machten. Ihre Fingerknöchel streiften kühle Seide und das Weiß, aus dem die Alpträume der Zitadelle bestanden.

Marco musste ihr irgendein gestrecktes Zeug verkauft haben!

Mit wenigen Schritten war sie bei der Kommode, dort hatte sie das Briefchen mit dem Pulver deponiert. Das Papier lag noch in der obersten Schublade, es war leer, wirkte unverdächtig und war in der krakeligen Handschrift ihres Händlers mit „Hypnol“ beschriftet. Sie hatte dieses Mittel hundert Mal geschluckt und ausgerechnet heute setzte es ihren Verstand außer Kraft? Der Scheißkerl sollte ihr in die Finger kommen! Der kleine Griff in ihren Giftschrank hätte sie ruhigen machen sollen, stattdessen war ihr ist so schwummerig, dass sie vor Wut hätte heulen können, und es gab nur eins, das sie in diesem Moment ganz genau wusste, als ihr Blick erneut den Spiegel streifte: morgen früh würde sich wieder ganz Berlin das Maul über sie zerreißen. Dafür würden die Illustrierten sorgen. Eigentlich nichts Neues, aber das genaue Gegenteil von dem, was sie hatte erreichen wollen.

Die verdammte Presse hatte viele Namen für sie. Keiner davon war schön, und keiner gehörte ausgerechnet morgen in die Schlagzeilen. Im günstigsten Fall würde sie wieder die Prinzessin der Toten heißen, im schlechtesten das Monster aus dem Turm.

Und diesmal würde es schlecht für sie ausgehen, sie sah das im Spiegel, an sich, an den Ringen unter ihren Augen, ihrem weit entfernten, ahnungslosen Blick. Es war, als wäre sie gar nicht Teil des Menschen, den sie dort sah. Sie rieb sich mit den Händen über ein Gesicht, das nicht zu ihr gehören wollte. Allein dafür hätte sie den Spiegel von der Wand treten können!

Das Mädchen im Spiegel hatte es versaut, und sie wusste nicht einmal wie. Dabei war ihr ganz klar gewesen, wie wichtig dieser Pressetermin für sie sein würde. Sie hätte nur eine einzige positive Meldung gebraucht, bevor es losging. Einen Artikel, der den Leuten zeigte, dass sie ein Mensch war. Ein einziges Mal wollte sie sie auf ihrer Seite haben. Aber vielleicht war sie einfach kein Mensch. Hätte ein Mensch jetzt nicht irgendetwas fühlen sollen?

„Lana?“ Sie hörte die Stimme erst, als sie sich in ihre auf ein dumpfes Rauschen reduzierte Welt drängte: „Lana!“

Maduan…

Sie überlegte einen Augenblick lang, sich im Badezimmer einzuschließen. Wenn er das Chaos hier sah, brauchte sie für weitere Vorwürfe nicht mehr selbst zu sorgen. Aber hinter ihr erklangen schon die Schritte ihres Sencavertrauten auf dem Marmorboden. Es war zu spät, um auszuweichen.

„Ist der ganze Auftrieb weg?“

Maduans Spiegelbild schob sich hinter ihres. Sein Anblick ließ den knappen Satz, mit dem sie ihn hatte wegschicken wollen, wie ein nutzloses Ding in ihre Kehle zurückrutschen.

„Ich wollte dich nicht stören“, beteuerte er, „aber…“ Er unterbrach sich, als er den Blick hob und sie sah. Einige Herzschläge lang starrten sie sich bloß über den Umweg der Spiegelfläche an.

„Warum hast du das angezogen?“, sprach er schließlich dasselbe aus, was sie von ihm dachte.

Sie hatte keine Antwort für ihn. Alles, was sie wusste, war, dass sie dieses Kleid angezogen hatte, und sie fand nicht einmal ihre Stimme wieder. Ihr Blick verharrte auf Maduan, der hinter ihr stand wie ein Geist, blass und mit zerrauftem Haar – vielleicht hatte er schon geschlafen, es musste spät sein –, darauf, wie er angezogen war. Und was er mitgebracht hatte.

Der Anblick fabriziert ein einziges großes „Nein!“ auf ihre Zunge.

Auf der Suche nach einer Erklärung huschte ihr Blick zu der Tür, durch die eben die Presseleute verschwunden waren, und in der jetzt Maduan stand. Aber vom Fotografen bis zum Kofferträger waren sie alle fort, und ihre Erinnerungen nicht mehr als ein verschwommenes Gemisch aus Stimmen und Bildern, aus Schmeicheleien und Widerstand, aus Nachgeben und Betäubung. Entsetzlich lähmender Betäubung.

Maduans Blick fixierte ihren im Spiegel, als wollte er sie auf der silbernen Fläche festnageln. „Hast du wieder was genommen?“

Fast hätte sie gelacht. Seit einer Woche tat sie nichts anderes, um nicht den Verstand zu verlieren, bevor der entscheidende Tag kam. Aber wenn Maduan das nicht aufgefallen war, bestand vielleicht Hoffnung, dass er auch die anderen Veränderungen an ihr nicht bemerkt hatte und auch vom Rest ihres Planes, , den er sonst gnadenlos verhindern hätte, noch nichts wusste. Wenigstens das hätte dann funktioniert. Es war nicht leicht, seinem Sencavertrauten etwas vorzuspielen, und Maduan kannte sie seit Jahren. Besser als ihr eigener Vater.

Sie machte einen abfälligen Laut und drehte sich zu ihm um. „Und du?“, wollte sie wissen. „Warum bist du so angezogen?“ Wenn er meinte, ihr in dieser beschissenen Situation ein schlechtes Gewissen machen zu müssen, dann konnte sie das auch.

Maduans Mund suchte prompt nach den richtigen Worten, seine Rechte, wie ohne sein Zutun, nach einem Versteck für den Umschlag, den er mitgebracht hatte.

Es war wirklich zum Lachen. Da standen sie, das dünne, in all der blassen Seide durchscheinend wirkende Mädchen und der große, dunkelhaarige Mann mit der bronzefarbenen Haut, ein perfektes Paar in Weiß, und neben ihnen tickte die Uhr auf dem Kaminsims Mitternacht entgegen. Eigentlich brauchte er gar nicht zu antworten, Lana wusste genau, warum Maduan gekommen war. Sie brauchte nicht den Umschlag in seiner Hand oder die beiden Siegel darauf zu sehen – das ihres Clans, der Confera, und das der Stadt Berlin.

„Im Gegensatz zu dir habe ich dafür eine gute Erklärung“, behauptete Maduan übellaunig.

So gut konnte sie nicht sein, der Umschlag zitterte in seiner Hand.

Leider hatte Lana tatsächlich gar keine. „Der Fotograf meinte, das weiße Kleid wäre ein schöner Kontrast zu…“

„Zu den weißen Wänden?“, unterbrach Maduan ihre Lüge. Er strich sich mit der Linken das widerspenstige Haar glatt, das er tagsüber mit Pomade bändigte, und seufzte: „Lana, du musst damit aufhören, ihnen immer wieder nachzugeben. Ich verstehe überhaupt nicht, wofür du diesen überflüssigen Termin brauchtest, du wirst doch beim Silvesterball morgen Abend genug Presse bekommen.“

Sie schluckte. Er wusste ja nicht, wie Recht er damit hatte. Wenn alles so in die Hose gehen sollte wie dieser Termin, würde sie mehr schlechte Presse haben, als in ihrem ganzen Leben zusammengenommen. Außerdem keinen Vater, kein Zuhause und kein Leben mehr…

„Ich weiß jetzt schon, was morgen in der Zeitung steht“, fuhr Maduan frustriert fort, als hätte er ein Recht dazu, frustriert zu sein.

„Und ich weiß das etwa nicht? Lanakin Confera – die verschmähte Clanerbin wechselt nahtlos vom Blutbad zum Silvesterball ihres vielgeliebten Vaters, Synças Confera.

„Vergiss nicht, noch bekifft vor Clanerbin einzufügen…“

Sie musste einen Moment lang die Lippen aufeinanderpressen, um ihn nicht anzuschreien. „Jede Presse ist gute Presse“, sagte sie stattdessen konzentriert, als müsste sie sich selbst davon überzeugen.

Nicht einmal Maduan war geneigt, auf ihren Lieblingsspruch einzusteigen. „Diese Art auch?“ Er machte eine Geste, die ihren Körper und den gesamten Raum mit seinem unaufgeräumten Chaos einschloss. „Warum solltest du so etwas brauchen, wenn es das hier aus dir macht? Weil dir diese Artikel deine Existenz bestätigen?“

Das unkontrollierte Keuchen, das er damit ihrer Kehle entlockte, ließ Maduans Züge sofort wieder milder werden. „Lana, es tut mir leid. Ich weiß ja, wie sehr du darunter leidest, dass Shiro dich so…“, er suchte offenbar nach den richtigen Worten, „…ablehnend behandelt, aber das hier ist nicht der richtige Weg, um ihm zu beweisen, dass du auch noch da bist.“

Er hatte Recht, und genau deshalb hatte sie einen anderen Weg gewählt, um ihrem Vater sehr nachdrücklich von ihrer Existenz zu überzeugen. Sie würde ihm zeigen, dass sie noch Bestandteil seines Lebens war, obwohl er alles daransetzt, genau das zu ändern. Nur noch diese eine Nacht und den nächsten Tag durchhalten und die Vorbereitungen abschließen, das war alles. Dann würden sich die Schlagzeilen für immer ändern. Bisher war alles nach Plan gelaufen und ausgerechnet jetzt musste erst ihr Verstand aussetzen, und dann stand auch noch Maduan mit dem verdammten Brief vor ihr. Es war, als wollte ihr Vater sie vor dem entscheidenden Abend noch einmal daran erinnern, was sie wirklich war. Und was eben nicht…

Das Weiß von Maduans tadellos sitzender Uniform fraß sich in ihr Bewusstsein, der weiße Stoff ihres Kleides schien sich plötzlich um sie zusammenzuziehen und schnürte ihr die Luft ab, obwohl die Knopfleiste des Stehkragens nicht einmal geschlossen war. Das Weiß schloss sie ein, als würden sich die Hände ihres Vaters um ihren Hals legen. Und die Angst lehnte sich an ihre Schulter, streifte ihre Stirn und drang in sie ein.

Er weiß längst alles!, flüstert es aus dem dunklen Büttenpapier in Maduans Hand.

Das war das Schlimmste, das passieren konnte!

Sie stöhnte, und rieb sich mit der Hand erneut über das Gesicht. „Können wir jetzt damit aufhören und zu dem Punkt kommen, warum du hier vor mir stehst, um kurz vor zwölf, der üblichen Zeit für die Direktiven aus dem Stadtpalais? Und warum wir zufällig beide Weiß tragen? Kann ich davon ausgehen, dass wir heute Nacht noch irgendetwas zu erledigen haben?“

Maduan leckte sich über die Lippen, dann nickte er widerwillig. „Es ist noch ein Exekutionsbefehl gekommen“, bestätigte er.

„Ja“, sagte sie, „ja, natürlich.“ Und sie versuchte, sich klarzumachen, dass alles so war wie immer, dass sie dem Zeitpunkt keine allzu große Bedeutung beimessen sollte. Aber dass Maduan ausgerechnet jetzt mit diesem Befehl vor ihr stand, konnte so viel mehr bedeuten, als dass ihr Vater ihr noch einmal ganz genau ihren Platz zeigen wollte.

Ein beiläufiger Satz der Journalisten fiel ihr wieder ein, so etwas wie: „Synças Confera soll ja eine besondere Überraschung für die Silvesterfeierlichkeiten in Aussicht gestellt haben?“ Bis eben hatte sie noch geglaubt, diese Überraschung sehr genau zu kennen, weil sie dabei eine Hauptrolle spielen sollte. Aber was, wenn ihr Vater mit seinen nebulösen Andeutungen an die Presse nicht bloß Aufmerksamkeit auf ein Fest lenken wollte, das ohnehin von jeder namenhaften Persönlichkeit der Stadt besucht werden würde? Es gab kein Größeres als seines in Berlin in der kommenden Silvesternacht. Vielleicht wusste er alles und sie gar nichts?

Ihre Lungen zogen sich schmerzhaft zusammen und machten sie atemlos. Ihr Vater hatte ihr schon einige tausend Mal vor Augen geführt, wie gut er informiert war – immer. Sehnsuchtsvoll ging ihr Blick auf der Suche nach Ablenkung zum Giftschrank. Aber zwischen ihr und der Erlösung stand Maduan und wartete: ein Meter fünfundneunzig Grenzwall.

Sie nahm ihm den Umschlag ab und tat so, als wäre nichts. Als hätte ihr Vater nicht beschlossen, dass sie auch diese Nacht damit zubringen würde, anderen Leuten beim Sterben zuzusehen, bevor sie in der nächsten Nacht für ihn sterben durfte. Panikreaktionen waren jetzt keine Option. Wer panisch wurde, machte Fehler. Fehler, auf die er vielleicht bloß wartete…

„Da siehst du?“, sagte sie, nachdem sie die Direktive überflogen hatte. „Wie passend, dass ich für eine Hinrichtung schon angezogen bin.“ Offenbar hatten die Presseleute als Einzige erkannt, wie dieser Abend für sie ausgehen würde, als sie ihr das weiße Kleid aufgedrängt hatten. Was für eine scheiß Ironie!

Oder ein weiterer Schachzug von Shiro Confera?

Sie fuhr zusammen, als hinter ihr wieder Schritte laut wurden. Aber es war nicht die Schreckensvision ihres Vaters oder seiner Schutztruppe, die gekommen war, um sie direkt einzukerkern. Gegen die Reste von Betäubung und Angst in ihrem Körper rief sie sich zur Ordnung. Sie war vorsichtig gewesen. Er konnte nichts wissen. Und es hatten bloß Dienerinnen das Ankleidezimmer betreten, die sich daran machten, wenigstens das physische Chaos hier zu beseitigen: die vielen auf dem Boden verstreuten Kleider, bronze- und golddurchwirkte Brokatroben, die neue Abendkollektion von L‘Enfer, in der sie sich hatte präsentieren wollen, gestern erst eingetroffen, Samt in den Farben des Abendhimmels… Sie würde den ganzen Mist zurückschicken müssen, die Journalisten hatten es geahnt. Es gab nur eine Farbe, die für sie auch in der kommenden Nacht angemessen war: Henkersweiß. Und wer, wenn nicht sie, wäre darauf wohl vorbereitet gewesen?

„Çasima Confera“, nickte ihr die namenlose Riege der Putzkolonne zu, als die Frauen sich an die Arbeit machten, und ihre albernen Hoffnungen, ein anderes Ich in Abendmode zu finden, in Kisten und Schachteln zurückverpackten. Lana ließ sie gewähren, denn sie wusste ja, dass in einem großen, rosafarbenen Karton in den Untiefen ihres Schrankes ein Kleid auf sie wartete, das sie schon vor Wochen für diesen Abend bestellt hatte – bevor ihr Vater sie über seine Pläne für Silvester informiert hatte. Jetzt würde sie es doch anziehen und allen geben, was sie wollten:

Lanakin Confera, die Henkerin von Berlin, das Monster aus dem weißen Turm.

Die Leute erwarteten nur diese eine Rolle von ihr. Und sie konnte es ihnen nicht einmal verübeln, denn sie hatte sie ihnen lang genug vorgespielt. Und es hatte eine Zeit gegeben, in der hatte sie sie sich selbst abgekauft. Sie würde ihnen die Henkerin geben, noch eine Nacht und den nächsten Tag lang. Aber dann würde sie ihnen zeigen, wer sie wirklich war.

*

Erde I, 2156
Berlin-Spandau, Forschungseinheit 1

Selbst jetzt noch konnte Weißkreuz sich genau daran erinnern, wie die ganze Scheiße angefangen hatte. An einem Tag genauso hell und sonnig wie heute – nur natürlich nicht ganz so brüllend heiß und vielleicht ein bisschen aussichtsreicher als seine jetzige, beschissene Lage. Aber Engler war auch damals schon auf eine so ungute Art aufgeregt gewesen. Seine Festtagsstimmung schlug Weißkreuz mit dem Frost der Klimaanalage entgegen, als Engler die Tür zur Außentreppe des Labors aufstieß.

„Wo bleibst du denn? Die Verbindung zu Earth II steht gleich!“

Weißkreuz sah ihn nicht an. Er war auf die Euphorie dieses Mannes schon einmal reingefallen und sie waren dafür alle in die Hölle gefahren. Zum Treppengeländer hingewandt sagte er: „Ruf mich wenn es soweit ist, Engler. Ich hab mir gerad noch eine angezündet.“

„Crétin!“

Weißkreuz lachte, und es klang in der Umgebung des Treppenaufbaus aus rostigem Metall genauso bleiern wie er sich fühlte. Warum Engler nach all den Jahren immer noch Wert auf sein intellektuelles Gehabe legte, begriff er nicht. Was war von ihnen beiden schon noch übrig geblieben?

Der Arzt ging, die Metalltür schlug hinter ihm zu. Seine dämliche Vorfreude hatte er mitgenommen, und dennoch kam es Weißkreuz vor, als hörte er Englers Stimme noch – voll falscher Erregung – ganz genau wie damals. Und zum ungezählten Mal kam die Erinnerung zurück: an Englers kühles Arbeitszimmer, die Ledercouch, die gute alte Zeit in Berlin – und all seinen falschen Entscheidungen. Er sehnte sich genau dorthin zurück, um sich selbst kräftig in den Arsch treten zu können und um Engler als gefährlichen Phantasten an die Gestapo auszuliefern…


© 2018 Stefanie Dettmers. Alle Rechte vorbehalten!


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